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Ein Vormittag im Amt

Vor mir erhob sich ein riesiger roter Backsteinbau, dem die ausladenden Efeuranken einen fast romantischen Touch verliehen. Schön war es hier, wirklich schön. Menschen saßen auf Holzbänken und ließen Sonne in ihr Gesicht scheinen, Kinder spielten auf einem schmalen Streifen Wiese und die Platanen rauschten im Wind – was für eine Idylle.

Was mich drinnen erwartete war eher weniger schön. Ich fand mich in einem ewig langen Flur wieder, in dem eine ewig lange Schlange von Menschen sich bis zum Eingang des Gebäudes drängte. Fast wäre ich in meiner Gutgelauntheit in das Schlusslicht der Warteschlange gelaufen. Das Schlusslicht war eine alte Dame am Rollator, die mir zuerst einen rügenden Blick zuwarf und mich dann komplett ignorierte.

Da ich zunächst nicht wusste was und wohin stand ich erstmal eine Weile an. Versuchte, mich im Raum zu orientieren. Vor mir in der Schlange standen Menschen mit eingeschlafenen Gesichtern, die Dokumente hielten oder auf Handytastaturen rumhackten und dem Türschild nach zu urteilen offensichtlich auf eine Information warteten. An beiden Flurseiten und in sämtlichen Warteräumen 1-4 saßen auf Plastikstühlen weitere Menschen, deren Gesichter sahen noch gequälter aus als die der Schlangenmenschen und so langsam schlief auch mir das Gesicht ein. Anmelden war doch eine größere Aktion.

Ich wollte keine Zeit mehr verlieren und direkt mit dem Warten anfangen. Von der Decke hing ein Schild, auf dem Pfeile in verschiedene Richtungen wiesen und mir aufzeigten, wo ich das überall tun könnte. Ich entschied mich für den Flur und zog eine Nummer aus dem Nummernautomaten, Nummer 79. Auf dem Display der Maschine konnte ich Folgendes lesen: Anzahl der Wartenden: 113, anzunehmende Wartezeit 1 Stunde und 5 Minuten. Na Prima dachte ich mir und setzte mich wie die anderen auf einen Plastikstuhl im Gang.

Ich wartete geschlagene 2 Stunden und da ich weder Zeitung noch Buch noch sonst irgendeine Ablenkung dabei hatte, tat ich nichts anderes als in der Gegend rum zu gucken. Da war dieses Monsterdisplay das ebenfalls von der Decke herabhing und jedes Mal, wenn ein Gong ertönte, veränderten sich auf diesem Display die vier bis sechs-stelligen (Warte-)Nummern und zeigten gleichzeitig die dazugehörigen zugeordeten Raumnummern an. Bei jedem Gongton schreckten die Wartenden hoch und spähten kurz auf den Bildschirm, um sich zu vergewissern, dass sie immer noch nicht dran waren. Mir ging es genauso. Das war echt frustrierend. Ding Dong. Ein älterer Herr am Stock schlurfte über den Steinboden und versuchte so schnell es eben ging den Raum zu erreichen, in dem das Warten für ihn endlich ein Ende haben würde. Ding Dong. Ding Dong. Eine andere, jüngere Frau rannte über den Gang und zog ein Kind an einer Hand hinterher. „Zimmer 6!!“ brüllte sie diesem Kind zu, damit es noch schneller rannte. Ding Dong. Man, dieser Gong machte alle echt wahnsinnig. DingDong. Ich sah Kind und Frau nach und musste unweigerlich an diese Szene in „Asterix “ denken, in der Asterix und Obelix ins Amt (das Haus, das verrückt macht) geschickt werden, um den Passierschein A38 zu holen. Wie die Irren rennen sie von Schalter 1 zu 2 zu 38 quer durch das Haus, Treppe rauf Treppe runter, weil jeder was anderes sagt und auf den Kollegen verweist, bis Obelix am Ende völlig durchdreht.

DingDong. So schlimm war es hier nicht. Und dann entdeckte ich an der Wand mir gegenüber den Flucht- und Rettungswegeplan und daneben einen Notfallkoffer hinter Glas für den Fall, dass ein Wartender einen Herzanfall erlebte und ich dachte – DingDong – auweia. Und dann war da noch dieses Plakat, das hing direkt neben dem Herzding, das erklärte uns Wartenden wie man in Berlin ordentlich parkt. „Gute Regeln machen Sinn“ stand darauf und noch bevor ich darüber nachdenken konnte wie sinnvoll ich das fand machte es DingDong und Nummer 79 erschien im Display.

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Das Rauschen unter Gullideckeln

Ich rannte durch den Wald. Bäume, Büsche, Himbeersträucher zogen an mir vorbei und in meinem Kopf zogen die Gedanken und kämpften um ihre Priorität. Was ich nicht alles vor hatte. Was ich nicht alles vor hatte….vorgehabt hatte….noch vor hätte, hätte ich mehr Zeit, hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich die Zeit sinnvoll genutzt…würde ich die Zeit sinnvoll nutzen und nun? Rannte ich durch den Wald obwohl die Zeit drückte und ich noch so viel vorhatte…

…soviel Jobsuche, Kistenpacken, Kuchen backen, Geschichten schreiben – soviel Netze legen und Netze pflegen – soziale und finanzielle Netze jeglicher Art pflegen- soviel gesünder werden und gesünder essen soviel Sport machen und fitter werden soviel… ich rannte doch! Ich rannte durch den Wald und ich rannte und wurde fitter und dachte, dachte nach und war in Gedanken und war mir immer einen Schritt voraus, war immer schneller schneller als mein letzter Gedanke hetzte durch den Wald. Stolperte.

Ein Ast brachte mich zu Fall und ich stand wieder auf und ich lief und stoppte. Ich hielt an an einem Gullideckel mitten im Wald und lauschte. Lauschte dem Rauschen unter dem Deckel dem Rauschen von Wasser das unter mir durchfl0ß ich war erstaunt und lauschte. Dem Rauschen unter dem Gullideckel dem Rauschen der Prießnitz die neben mir floß dem Flüstern der Gräser den Balzrufen der Vögel. Dem Klingen der Hundemarken an den Halsbändern der Hunde, dem Scharren ihrer Pfoten, den Pfiffen der Herrchen, dem fernen Rauschen der Stauffenberg Allee.

Ich dachte darüber nach dass ich mich wohl in dem Augenblick im Jetzt befand und wie schön das doch war und dann fiel mir wieder ein was ich nicht alles vor hatte und wollte wieder los laufen doch

da zerschnitt ein Sonnestrahl mir den Weg.

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