Schlagwort-Archive: Erlebnisse

Indien. Eine Umarmung.

An der Flugzeugtreppe. Indien haucht mir seinen feuchten, heißen Atem ins Gesicht. Ich schmecke Zimt und Kurkuma. Oder ist es Helge Timmerberg, der mir seine Wahrnehmungen ins Ohr flüstert? Mein Blick geht nach oben. Am Himmel ein Mond der in Dampf badet. Warten auf den Bus. Langsam weicht die Stille in mir. Ein leises Kribbeln. Jetzt kommt die Angst, denke ich. Ich spüre in mich hinein, lasse meinen Blick wandern, zu Lunge, Herz, Bauchraum, wundere mich. Da ist keine Angst, kein leiser Anflug von Panik. Da ist nur Müdigkeit, und dieses leichte Kribbeln. Vorfreude.

Im Taxi lasse ich mich vom Fahrtwind tragen. Vorne sitzen zwei Inder, denen ich mein ganzes Vertrauen schenke. Ich spüre das weiche Leder unter meinen Handflächen. Durchs offene Fenster reicht Indien mir seine Hand. Ich schüttele sie. Weich ist die Haut, hart der Händedruck. Auf meiner Iris tanzen Bilder: Wellblechhütten, Leuchtstoffröhren, bunte Saris. Nackte Füße, Menschen. Viele davon, schwarzäugig, schlafende Kühe. Zerschlissenes Leinen, dreckig. Neonreklame auf Beton, Palmen. Ich atme ein, fremde und vertraute Gerüche, beißende, üble, sanfte, zärtliche. In meinen Ohren immer wieder das Stottern und Hupen der TukTuks. In mir drin sanfte Wogen. Nicht der Angst, der Vorfreude. Vielleicht ist da sogar ein bisschen Stolz. Ich spüre das weiche Leder unter meinen Handflächen, und lasse mich in eine Umarmung fließen.

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Klangkörper

Mein Körper noch am auftauen ob der Minus 50 Grad draußen sitze ich im Schneidersitz  auf meiner Matte in einem Raum mit vielen anderen, die ebenfalls am „Ankommen“ (auftauen) sind, und versuche irgendwie in meine Eislungen reinzuatmen. Aua, ich kann die Kälte in mir drin spüren als wäre ich innen hohl, und dann klemmt noch irgendwas zwischen meiner 3. und 4.  Rippe, nochmal aua. Ich habe schlechte Laune und möchte weg und sie abschütteln. Doch ich befürchte Schlimmes. Stillsitzen, Einswerden mit dem Kosmos, Meditation.

„Shiva Shiva Shiva Shambhoooo, Shiva Shiva Shiva Shambhoooo. JET’ZT ALLE!“

Doch keine Stille heute. Vorne sitzt einer und singt, laut und schief. Wir sollen mitsingen. Wir: Bedrückend leise, noch schiefere Töne. Wir: Lachen uns den Arsch ab. Der Lehrer vorn lacht auch, sagt: Genau darum geht es, beim KIRTAN, die Gedanken zu zerschneiden.

Wieder stimmt er an: Shiva Shiva Shiva Shambhoooo!! Maha Deva Shambho!!


Wieder singen wir nach, diesmal mit einem Restlachen in der Stimme, langsam taue ich auf. Mein Atem schafft sich immer mehr Raum in meinem Hohlkörper, schiebt sich durch meinen Rachen und Mund, der versucht, die unbekannten Laute zu formen. Immer wieder stimmt die Stimme vorne das Mantra an, immer wieder stimmen wir mit ein, immer stimmiger wird unser Sound, bis wir eine stimmige Mantren-singende Vormittags-Jivamukti-Yogagruppe sind, wir kennen uns nicht aber in diesem Moment mögen wir uns trotzdem.

Wir lassen die Klänge verebben und dann sitzen wir still. Und erfahren: Wir haben Shiva, den Zerstörer, angesungen. Shiva, der zerstört, aber auch verändert, transformiert. Ich fühle mich auf jeden Fall verändert. Da ist was angefüllt in mir, mit Wärme vielleicht, mit Klang. Ich bin ein Klangkörper, beschwingt.

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Das Nargun in Mitte

Ich schleiche durch die Kinder- und Jugendbibliothek. Fühle mich wie ein Eindringling. Schließlich bin ich kein Kind mehr. Gleich wird es jemandem auffallen. Einem Knirps, der mich lautstark als Erwachsenen identifiziert und mich dann grinsend an einen dieser Bibliotheksdrachen ausliefert. Greife wahllos zwei Jugendbücher aus dem Regal: Kinder der Gezeiten und Das Nargun und die Sterne und versuche mir ein Alibi zurechtzulegen. Entweder: Tante auf der Suche nach Fantasybuch für Nichte oder: Schriftstellerin auf Recherche zu Kinderbuch oder einfach nur die Wahrheit: Bei den Erwachsenen gucken alle so ernst.

An einem Lesetisch sitzt ein Mädchen-Teeny, mit einer Hand blättert es in der Mädchen, mit der anderen verschickt es ziemlich viele Zeichen und nimmt gleichzeitig Telefongespräche an. In meinem Kopf Bilder: Ich als 13jährige mit Freundin, sie die Bravo, ich die Mädchen, wir uns gegenseitig vorlesend, kichernd – wir uns gegenseitig Fotos zeigend, immer noch kichernd, aber neidisch.

Am Zeitschriftenregal bleibe ich dann selbst an der „Mädchen“ hängen. Meine Hand will danach greifen, doch mein Verstand sagt: NEIN. Welches Alibi gäbe es bitte dafür? Ich zwinge mich, weiter zu laufen und verstecke mich dann in dem Teil der Bibliothek, der am wenigsten frequentiert wird: die WAS-IST-WAS Ausstellung. Anscheinend interessieren sich in Berlin Mitte die Kinder nicht dafür was was ist – dafür lautes Geschrei und Comic-Lärm (WUMMS, KRACH, RASSEL) aus der Videospiel-Ecke.

Die nächste Stunde verbringe ich auf einer blauen Holzbank im Atrium eingeschlossen von Papp-Aufstellern, Ansichtsexemplaren und Plakaten, die Kindern die Welt erklären wollen. (Woraus besteht Sauerstoff??) Während sich das NARGUN von Wrightson durch tiefe Schluchten kämpft (ich habe keinen blassen Schimmer, was es damit auf sich hat, werde das Buch auf jeden Fall lesen müssen), schweift mein Blick durch den Raum. In einer Ecke neben dem Regal zur „Schönen Literatur“ baumelt an einem Heizungsrohr aufgeknüpft eine Pippi-Langstrumpf-Puppe.

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Die Textur des Milchschaums laut T.

Er hielt einen 20 minütigen, leidenschaftlichen Vortrag. Thorsten. Über Milchschaum und wie er optimalerweise beschaffen sein müsste gemäß seiner Philosophie. Kein Witz. Wie klein die Bläschen sein müssten und wie fein. Wie sie sich mit der Crema verbinden müssten um ein herausragend bitter-weiches Geschmackserlebnis beim Kunden zu erzeugen. Er fixierte mich mit einem leicht irren Blick und sagte, dass er sich als Künstler verstünde. Ich war sprachlos. Dann sprach er noch über die Welt der Milchschaummuster Dass ein Herzmuster eine Geste gegenüber seinen Kunden sei. Spätestens an dem Punkt war mir klar, dass wir a) in 2 Welten lebten und ich b) kein Milchschaum-Typ war und mich c) keine 10 Pferde wieder in diesen Laden bringen würden. Nach drei komma fünf Stunden Probeschicht nahm ich 10 Euro gegen Quittung entgegen. Seine Geste an mich.

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Ein Vormittag im Amt

Vor mir erhob sich ein riesiger roter Backsteinbau, dem die ausladenden Efeuranken einen fast romantischen Touch verliehen. Schön war es hier, wirklich schön. Menschen saßen auf Holzbänken und ließen Sonne in ihr Gesicht scheinen, Kinder spielten auf einem schmalen Streifen Wiese und die Platanen rauschten im Wind – was für eine Idylle.

Was mich drinnen erwartete war eher weniger schön. Ich fand mich in einem ewig langen Flur wieder, in dem eine ewig lange Schlange von Menschen sich bis zum Eingang des Gebäudes drängte. Fast wäre ich in meiner Gutgelauntheit in das Schlusslicht der Warteschlange gelaufen. Das Schlusslicht war eine alte Dame am Rollator, die mir zuerst einen rügenden Blick zuwarf und mich dann komplett ignorierte.

Da ich zunächst nicht wusste was und wohin stand ich erstmal eine Weile an. Versuchte, mich im Raum zu orientieren. Vor mir in der Schlange standen Menschen mit eingeschlafenen Gesichtern, die Dokumente hielten oder auf Handytastaturen rumhackten und dem Türschild nach zu urteilen offensichtlich auf eine Information warteten. An beiden Flurseiten und in sämtlichen Warteräumen 1-4 saßen auf Plastikstühlen weitere Menschen, deren Gesichter sahen noch gequälter aus als die der Schlangenmenschen und so langsam schlief auch mir das Gesicht ein. Anmelden war doch eine größere Aktion.

Ich wollte keine Zeit mehr verlieren und direkt mit dem Warten anfangen. Von der Decke hing ein Schild, auf dem Pfeile in verschiedene Richtungen wiesen und mir aufzeigten, wo ich das überall tun könnte. Ich entschied mich für den Flur und zog eine Nummer aus dem Nummernautomaten, Nummer 79. Auf dem Display der Maschine konnte ich Folgendes lesen: Anzahl der Wartenden: 113, anzunehmende Wartezeit 1 Stunde und 5 Minuten. Na Prima dachte ich mir und setzte mich wie die anderen auf einen Plastikstuhl im Gang.

Ich wartete geschlagene 2 Stunden und da ich weder Zeitung noch Buch noch sonst irgendeine Ablenkung dabei hatte, tat ich nichts anderes als in der Gegend rum zu gucken. Da war dieses Monsterdisplay das ebenfalls von der Decke herabhing und jedes Mal, wenn ein Gong ertönte, veränderten sich auf diesem Display die vier bis sechs-stelligen (Warte-)Nummern und zeigten gleichzeitig die dazugehörigen zugeordeten Raumnummern an. Bei jedem Gongton schreckten die Wartenden hoch und spähten kurz auf den Bildschirm, um sich zu vergewissern, dass sie immer noch nicht dran waren. Mir ging es genauso. Das war echt frustrierend. Ding Dong. Ein älterer Herr am Stock schlurfte über den Steinboden und versuchte so schnell es eben ging den Raum zu erreichen, in dem das Warten für ihn endlich ein Ende haben würde. Ding Dong. Ding Dong. Eine andere, jüngere Frau rannte über den Gang und zog ein Kind an einer Hand hinterher. „Zimmer 6!!“ brüllte sie diesem Kind zu, damit es noch schneller rannte. Ding Dong. Man, dieser Gong machte alle echt wahnsinnig. DingDong. Ich sah Kind und Frau nach und musste unweigerlich an diese Szene in „Asterix “ denken, in der Asterix und Obelix ins Amt (das Haus, das verrückt macht) geschickt werden, um den Passierschein A38 zu holen. Wie die Irren rennen sie von Schalter 1 zu 2 zu 38 quer durch das Haus, Treppe rauf Treppe runter, weil jeder was anderes sagt und auf den Kollegen verweist, bis Obelix am Ende völlig durchdreht.

DingDong. So schlimm war es hier nicht. Und dann entdeckte ich an der Wand mir gegenüber den Flucht- und Rettungswegeplan und daneben einen Notfallkoffer hinter Glas für den Fall, dass ein Wartender einen Herzanfall erlebte und ich dachte – DingDong – auweia. Und dann war da noch dieses Plakat, das hing direkt neben dem Herzding, das erklärte uns Wartenden wie man in Berlin ordentlich parkt. „Gute Regeln machen Sinn“ stand darauf und noch bevor ich darüber nachdenken konnte wie sinnvoll ich das fand machte es DingDong und Nummer 79 erschien im Display.

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