Schlagwort-Archive: Gefühle

Impulse

Es gibt sie, die schlechten Gefühle. Mich haben sie gestern Abend übermannt. Langsam haben sie sich angeschlichen und einen schwachen Moment genutzt. Ich habe mich nicht groß gewehrt. Dafür war der Geist viel zu fahrig. Und schlechte Gefühle haben ja auch etwas Positives: sie sind mir vertraut. Die Zweifel und Ängste, die Hoffnungs- und Mutlosigkeit – in schwierigen Zeiten sind sie wie ein Anker, an dem ich mich festhalten kann. Ich habe mich ihnen voll hingegeben, bin eingetaucht in die wohlige Schwärze, habe darin die vertrauten Muster erkannt und mich darin eingewickelt.

Heute morgen bin ich aufgewacht, wie gerädert. In mir ein dumpfes Pochen, Nachwirkungen der schlechten Energien. Zu anderen Zeiten hätte ich diesem Pochen Aufmerksamkeit geschenkt, die negativen Schwingungen genährt, weil es einfach ist. Einfacher als in den wuchernden Schlingen der Angst nach einem Funken Liebe zu suchen. Doch heute mache ich es anders.

Ich löse mich aus der Umklammerung alter Muster und schütte Licht ins Dunkle. Dazu braucht es nicht viel. Nur einen kleinen Impuls. Etwas, das mich aus der Routine reisst. Heute ist es der Kaffee, den ich nicht wie gewöhnlich aus dem Kaffeeglas sondern aus der Herend-Porzellan-Tasse trinke. Ich liebe dieses feine Geschirr mit dem bunten Blumen- und Schmetterlingsmuster. Meine ungarische Großmutter hat es mir als vermeintliches Hochzeitsgeschenk übergeben obwohl eine Hochzeit weder geplant noch in naher Zukunft in Aussicht stand. Großmutter hatte Angst, sie würde zu meiner Eheschließung, sollte sie irgendwann stattfinden, nicht mehr dabei sein, daher gab sie mir ihr Geschenk einfach vorher.

Ich spüre den feinen Schliff des Herends an meinen Lippen, den zerbrechlichen Henkel zwischen den Fingern, betrachte die filigranen Malereien. Da ist soviel Liebe, Respekt und Achtsamkeit spürbar, in diesem kleinen Stück Porzellan. Es rührt mich. Bringt dieses kleine Licht in mir zum flackern, nach dem ich nicht suchen wollte. Schickt ein Lächeln auf meine Lippen, ein kleiner Impuls..

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Indien. Eine Umarmung.

An der Flugzeugtreppe. Indien haucht mir seinen feuchten, heißen Atem ins Gesicht. Ich schmecke Zimt und Kurkuma. Oder ist es Helge Timmerberg, der mir seine Wahrnehmungen ins Ohr flüstert? Mein Blick geht nach oben. Am Himmel ein Mond der in Dampf badet. Warten auf den Bus. Langsam weicht die Stille in mir. Ein leises Kribbeln. Jetzt kommt die Angst, denke ich. Ich spüre in mich hinein, lasse meinen Blick wandern, zu Lunge, Herz, Bauchraum, wundere mich. Da ist keine Angst, kein leiser Anflug von Panik. Da ist nur Müdigkeit, und dieses leichte Kribbeln. Vorfreude.

Im Taxi lasse ich mich vom Fahrtwind tragen. Vorne sitzen zwei Inder, denen ich mein ganzes Vertrauen schenke. Ich spüre das weiche Leder unter meinen Handflächen. Durchs offene Fenster reicht Indien mir seine Hand. Ich schüttele sie. Weich ist die Haut, hart der Händedruck. Auf meiner Iris tanzen Bilder: Wellblechhütten, Leuchtstoffröhren, bunte Saris. Nackte Füße, Menschen. Viele davon, schwarzäugig, schlafende Kühe. Zerschlissenes Leinen, dreckig. Neonreklame auf Beton, Palmen. Ich atme ein, fremde und vertraute Gerüche, beißende, üble, sanfte, zärtliche. In meinen Ohren immer wieder das Stottern und Hupen der TukTuks. In mir drin sanfte Wogen. Nicht der Angst, der Vorfreude. Vielleicht ist da sogar ein bisschen Stolz. Ich spüre das weiche Leder unter meinen Handflächen, und lasse mich in eine Umarmung fließen.

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Dazwischen. Berlin – Mumbai.

Ich sitze im Flieger zwischen zwei schlafenden Indern. Acht Stunden dauert der Flug. Acht Stunden lang keine Bewegung, weder von rechts noch von links. Inder scheinen ihren Körper in eine Art Flugmodus umschalten zu können, völlige Regungs- und Bedürfnislosigkeit. Ich kann das nicht. Alle zwei Stunden drücke ich auf den Bildschirm-Button „Lufthansa Fly and Relax“ und folge den Übungsanleitungen des virtuellen Avatars. Lasse meine Füsse, Hände und Schultern kreisen und drücke meinen „Abdomen against the seat“. Ich bin mir selbst wahnsinnig peinlich und froh darüber, dass meine Sitz-Nachbarn Inder sind und sich nicht durch meine Verrenkungen in ihrer Schlafstarre stören lassen. Immer wieder steige ich auf Sitzlehnen über atmende Körper hinweg und flüchte mich in den Gang um auf ihm auf und ab zu laufen. Dann nach hinten zu den Stewards, um Wasser, Wein und Saft zu trinken, wieder in den Gang, um meine Mitreisenden zu beobachten. Bunte Saris, die über Lehnen und auf Boden fließen, aufgeknöpfte Hemden, hängende Bäuche, einige tränennasse Kindergesichter, viele Fernsehaugen. Keine junge Frau Anfang Dreißig, die aussieht, als würde sie in den nächsten vier Wochen in einem Ashram Yoga machen. Wieder denke ich daran, dass das auch kein Wunder ist. Juli, die denkbar schlechteste Jahreszeit, um nach Indien zu reisen. Juli = Monsun = nasse Füsse. Wieder ärgere ich mich über meine Ungeduld, die man auch in Spontanität übersetzen kann, wenn man es gut mit sich meint. Wieder überzeuge ich mich selbst, dass meine Entscheidung richtig war und diese Reise eine ganz „besondere Erfahrung“ wird. Was auch immer das heißt.

Acht Stunden später landen wir in Mumbai. Es ist Mitternacht und meine Sitznachbarn lösen ihre Gurte und bewegen sich so unaufgeregt und geschmeidig, als hätten sie die Ringbahn vom Ostkreuz zum Hauptbahnhof genommen. Ich bewege mich gar nicht. Ich warte ab und bin ganz still.
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Wasserfarbe

Heute bin ich Beobachterin. Ich nutze Farben, die sich nicht kontrollieren lassen. Sehe zu, wie sie über das Papier schwimmen, ineinander fließen, sich verbinden oder abstoßen. Ab und zu setze ich Impulse, lasse Wassertropfen fallen, bewege das Blatt, den Atem, die Hand. Dann lasse ich los.

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Der schlafende Passagier

 

„Stell dir eine fürchterlich ramponierte Kutsche vor, die von ziemlich wilden Pferden gezogen wird. Der Kutscher ist zerstreut und unkonzentriert, der Passagier und Besitzer der Kutsche ist ein König, der schläft und träumt, er sei ein Bauer. Die ramponierte Kutsche steht für unseren Körper, die wilden Pferde stehen für unsere Gefühle, der zerstreute Kutscher steht für unseren Geist und der schlafende Passagier für die Seele.“ (Quelle: Das Herz des Yoga, Max Strom)

Meine Kutsche ist momentan ziemlich ramponiert.  Und wenn ich mir den Kutscher so betrachte, scheint er auch nicht wirklich zu wissen wohin die Fahrt geht. Mal steuert er links, dann rechts, lässt die Kutsche im Kreis fahren, während die Pferde fast mit ihm durchgehen. Und auch der Passagier nickt immer wieder ein.

Kein Wunder, dass da grad vieles im Argen liegt.
Und wie wunderbar doch diese Erkenntnis ist.

Ich muss nun nur noch Folgendes tun:

– die Kutsche reparieren (Körper)

– die Pferde trainieren (Gefühle)

– den Kutscher in Konzentration schulen (den Geist) (Quelle: Das Herz des Yoga, Max Strom)

Und kann dann darauf hoffen, dass der schlafende Passagier (Seele) endlich aufwacht und sich wieder daran erinnert, wer und was er (sie) ist.

 

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