Schlagwort-Archive: Indien

Indien. Eine Umarmung.

An der Flugzeugtreppe. Indien haucht mir seinen feuchten, heißen Atem ins Gesicht. Ich schmecke Zimt und Kurkuma. Oder ist es Helge Timmerberg, der mir seine Wahrnehmungen ins Ohr flüstert? Mein Blick geht nach oben. Am Himmel ein Mond der in Dampf badet. Warten auf den Bus. Langsam weicht die Stille in mir. Ein leises Kribbeln. Jetzt kommt die Angst, denke ich. Ich spüre in mich hinein, lasse meinen Blick wandern, zu Lunge, Herz, Bauchraum, wundere mich. Da ist keine Angst, kein leiser Anflug von Panik. Da ist nur Müdigkeit, und dieses leichte Kribbeln. Vorfreude.

Im Taxi lasse ich mich vom Fahrtwind tragen. Vorne sitzen zwei Inder, denen ich mein ganzes Vertrauen schenke. Ich spüre das weiche Leder unter meinen Handflächen. Durchs offene Fenster reicht Indien mir seine Hand. Ich schüttele sie. Weich ist die Haut, hart der Händedruck. Auf meiner Iris tanzen Bilder: Wellblechhütten, Leuchtstoffröhren, bunte Saris. Nackte Füße, Menschen. Viele davon, schwarzäugig, schlafende Kühe. Zerschlissenes Leinen, dreckig. Neonreklame auf Beton, Palmen. Ich atme ein, fremde und vertraute Gerüche, beißende, üble, sanfte, zärtliche. In meinen Ohren immer wieder das Stottern und Hupen der TukTuks. In mir drin sanfte Wogen. Nicht der Angst, der Vorfreude. Vielleicht ist da sogar ein bisschen Stolz. Ich spüre das weiche Leder unter meinen Handflächen, und lasse mich in eine Umarmung fließen.

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Dazwischen. Berlin – Mumbai.

Ich sitze im Flieger zwischen zwei schlafenden Indern. Acht Stunden dauert der Flug. Acht Stunden lang keine Bewegung, weder von rechts noch von links. Inder scheinen ihren Körper in eine Art Flugmodus umschalten zu können, völlige Regungs- und Bedürfnislosigkeit. Ich kann das nicht. Alle zwei Stunden drücke ich auf den Bildschirm-Button „Lufthansa Fly and Relax“ und folge den Übungsanleitungen des virtuellen Avatars. Lasse meine Füsse, Hände und Schultern kreisen und drücke meinen „Abdomen against the seat“. Ich bin mir selbst wahnsinnig peinlich und froh darüber, dass meine Sitz-Nachbarn Inder sind und sich nicht durch meine Verrenkungen in ihrer Schlafstarre stören lassen. Immer wieder steige ich auf Sitzlehnen über atmende Körper hinweg und flüchte mich in den Gang um auf ihm auf und ab zu laufen. Dann nach hinten zu den Stewards, um Wasser, Wein und Saft zu trinken, wieder in den Gang, um meine Mitreisenden zu beobachten. Bunte Saris, die über Lehnen und auf Boden fließen, aufgeknöpfte Hemden, hängende Bäuche, einige tränennasse Kindergesichter, viele Fernsehaugen. Keine junge Frau Anfang Dreißig, die aussieht, als würde sie in den nächsten vier Wochen in einem Ashram Yoga machen. Wieder denke ich daran, dass das auch kein Wunder ist. Juli, die denkbar schlechteste Jahreszeit, um nach Indien zu reisen. Juli = Monsun = nasse Füsse. Wieder ärgere ich mich über meine Ungeduld, die man auch in Spontanität übersetzen kann, wenn man es gut mit sich meint. Wieder überzeuge ich mich selbst, dass meine Entscheidung richtig war und diese Reise eine ganz „besondere Erfahrung“ wird. Was auch immer das heißt.

Acht Stunden später landen wir in Mumbai. Es ist Mitternacht und meine Sitznachbarn lösen ihre Gurte und bewegen sich so unaufgeregt und geschmeidig, als hätten sie die Ringbahn vom Ostkreuz zum Hauptbahnhof genommen. Ich bewege mich gar nicht. Ich warte ab und bin ganz still.
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Ganesha. Ein Anfang.

Was tue ich mich schwer! Seit über einer Woche bin ich wieder im Lande und schleiche auf Zehenspitzen um meinen eigenen Blog herum. Wie gern würde ich meine Reiseerfahrungen, die Bilder, Gedanken und Schnipsel zu einem stabilen Päckchen zusammenschnüren, und es mit einem Klick ins Netz zu euch schicken. Doch Indien lässt sich irgendwie nicht so einfach fassen. Und dann auch noch der Ashram, das Yoga, die Erleuchtung, mannometer.

Auf der Suche nach einem Anfang wühle ich mich durch ca. dreihundert Fotos, Tonaufnahmen und krakelige Tagebucheinträge. Ich bleibe an einem Elefantenkopf hängen. Ganesha (siehe Foto), der Weise mit dem Rüssel. Und der heimliche Star unter den Hindugöttern. Ist er doch Überwinder aller Hindernisse und: Herr allen Anfangs. Hindernisse. Genau, denke ich, es sind Hindernisse, die mich behindern, Hindernisse in meinem Kopf die verhindern, dass sich diese Reise zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Hindernisse die verhindern, dass ich einen Anfang mache. Verdammt. Die Hilfe von Ganesha, könnte ich gerade echt gebrauchen. Aber der ist in Indien und segnet Häuser und ich bin im Prenzlauer Berg und sitze in unserer Zweiraumwohnung. Irgendwie würde so ein Elefantenkopf hier auch nicht so recht ins Wohnzimmer passen. Aber in meinen Kopf. Haha! Also, lieber Ganesha, falls du zwischendurch Zeit und Lust hast, schnipst du dann kurz rüber und hilfst mir bitte, die Hindernisse in meinem Kopf zu „beseitigen“ damit ich endlich mit dem Schreiben loslegen kann? Ja?

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