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Konfetti im Regen

Blütenkonfetti

Und dann fährst du durch die graue Stadt
Gesichter die durch die Scheiben hindurch zerfließen
im Regen sitzt du spürst wie die Nässe durch deine Poren kriecht du atmest
Prana in deinen Bauch hinein und lässt es einen Moment dort
wirken am Ursprung deines Seins
da wo der Mond reinleuchtet wenn er voll ist und
die Sonne aufgeht wenn du sie nur lässt
und du denkst an diese Schlange die da irgendwo im Mooladhara Chakra liegt
träumend und darauf wartet dass du sie wachküsst
darauf wartet aus ihrem 1000 jährigen Schlaf zu erwachen
um dann mit der ganzen Power des Universums die in dir steckt deine Wirbelsäule hinauf zu steigen
durch alle 7 Chakren sich hindurchzuwinden und dich endlich
mit dem Wissen zu erleuchten, dir bewusst zu machen
dass du und ich eins sind
und wir alle miteinander in dieser verrückt unendlichen Ewigkeit
verbunden sind in Liebe
und während du das denkst sitzt du
im Regen und fährst durch die graue Stadt
Gesichter die im Regen zerfließen
und Du atmest aus und denkst
an das Konfetti das ungeöffnet in Deiner Schublade liegt und wie gern du es in die Luft werfen würdest
hier und jetzt im Regen
den grauen Fassaden und zerfließenden Gesichtern
entgegen

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Fierce Medicine beats Angst.

In den Körperzellen stecken Emotionen fest, sagt Ana T. Forrest, die Begründerin von „Forrest Yoga“. Ich lese dies auf den ersten Seiten ihres Buches „Fierce Medicine“ und mag ihr nicht recht glauben. Ich denke: Gehirnzellen, ok. da sind Erinnerungen und die damit verbundenen Gefühle gespeichert. Aber Körperzellen? Der ganze olle Kram in meinen Hüften, Po und Oberschenkeln? Das kann ich nicht recht glauben. Die Vorstellung finde ich fast beängstigend.

Ana sagt, der Körper vergisst nicht. Ängste und Traumata werden in den Zellen über Jahre gespeichert. Sie bietet eine – auf Erfahrung – basierende Lösung an: Yoga-stellungen wie „Taube / Kamel / Handstand sollen länger als üblich gehalten werden. „Stay in the Yoga pose because that’s like shining a light on the trail of your fear.“

Ich bin skeptisch und trotzdem – oder gerade deswegen – folge ich ihren Anweisungen. Vielleicht auch, weil ich gerade in dieser „schwierigen Phase“ bin und händeringend nach „Lösungen“ suche. Am Abend begebe ich mich in die „Taube“, spüre meine Hüften zum Boden sinken, die sanfte Dehnung, die noch nicht ganz Schmerz ist. Mindestens 10 Atemzüge….Ich atme 20. Aua. Nach 25 Atemzügen will ich das Experiment beenden, als sich plötzlich Hitze in meinen Hüften und Beinen ausbreitet. Ich erinnere mich an Anas‘ Worte: „if you sense a rush of heat thats a sign of release.“Meine Neugier. Ich atme langsamer, tiefer. Ist das jetzt Schmerz? Plötzlich dieses Bild vor meinen Augen: ein Kind, dass seinen Rücken an die warme Heizung drückt, die Arme um die Beine geschlungen, ein Buch auf den Knien. Eine hockende Schutzstellung, Flucht vor den bad vibrations at home…. Erstaunen. Da sind tatsächlich Bilder in meinen Hüften. Und alte Ängste, die damit verknüpft sind. Meine Beine brennen, Hitze schießt den Rücken hinauf. „Cleanse your past from your cell tissue, breath and release“, flüstert Ana mir zu. Ich höre hin und atme weiter in meine Angst hinein.

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Indien. Eine Umarmung.

An der Flugzeugtreppe. Indien haucht mir seinen feuchten, heißen Atem ins Gesicht. Ich schmecke Zimt und Kurkuma. Oder ist es Helge Timmerberg, der mir seine Wahrnehmungen ins Ohr flüstert? Mein Blick geht nach oben. Am Himmel ein Mond der in Dampf badet. Warten auf den Bus. Langsam weicht die Stille in mir. Ein leises Kribbeln. Jetzt kommt die Angst, denke ich. Ich spüre in mich hinein, lasse meinen Blick wandern, zu Lunge, Herz, Bauchraum, wundere mich. Da ist keine Angst, kein leiser Anflug von Panik. Da ist nur Müdigkeit, und dieses leichte Kribbeln. Vorfreude.

Im Taxi lasse ich mich vom Fahrtwind tragen. Vorne sitzen zwei Inder, denen ich mein ganzes Vertrauen schenke. Ich spüre das weiche Leder unter meinen Handflächen. Durchs offene Fenster reicht Indien mir seine Hand. Ich schüttele sie. Weich ist die Haut, hart der Händedruck. Auf meiner Iris tanzen Bilder: Wellblechhütten, Leuchtstoffröhren, bunte Saris. Nackte Füße, Menschen. Viele davon, schwarzäugig, schlafende Kühe. Zerschlissenes Leinen, dreckig. Neonreklame auf Beton, Palmen. Ich atme ein, fremde und vertraute Gerüche, beißende, üble, sanfte, zärtliche. In meinen Ohren immer wieder das Stottern und Hupen der TukTuks. In mir drin sanfte Wogen. Nicht der Angst, der Vorfreude. Vielleicht ist da sogar ein bisschen Stolz. Ich spüre das weiche Leder unter meinen Handflächen, und lasse mich in eine Umarmung fließen.

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Dazwischen. Berlin – Mumbai.

Ich sitze im Flieger zwischen zwei schlafenden Indern. Acht Stunden dauert der Flug. Acht Stunden lang keine Bewegung, weder von rechts noch von links. Inder scheinen ihren Körper in eine Art Flugmodus umschalten zu können, völlige Regungs- und Bedürfnislosigkeit. Ich kann das nicht. Alle zwei Stunden drücke ich auf den Bildschirm-Button „Lufthansa Fly and Relax“ und folge den Übungsanleitungen des virtuellen Avatars. Lasse meine Füsse, Hände und Schultern kreisen und drücke meinen „Abdomen against the seat“. Ich bin mir selbst wahnsinnig peinlich und froh darüber, dass meine Sitz-Nachbarn Inder sind und sich nicht durch meine Verrenkungen in ihrer Schlafstarre stören lassen. Immer wieder steige ich auf Sitzlehnen über atmende Körper hinweg und flüchte mich in den Gang um auf ihm auf und ab zu laufen. Dann nach hinten zu den Stewards, um Wasser, Wein und Saft zu trinken, wieder in den Gang, um meine Mitreisenden zu beobachten. Bunte Saris, die über Lehnen und auf Boden fließen, aufgeknöpfte Hemden, hängende Bäuche, einige tränennasse Kindergesichter, viele Fernsehaugen. Keine junge Frau Anfang Dreißig, die aussieht, als würde sie in den nächsten vier Wochen in einem Ashram Yoga machen. Wieder denke ich daran, dass das auch kein Wunder ist. Juli, die denkbar schlechteste Jahreszeit, um nach Indien zu reisen. Juli = Monsun = nasse Füsse. Wieder ärgere ich mich über meine Ungeduld, die man auch in Spontanität übersetzen kann, wenn man es gut mit sich meint. Wieder überzeuge ich mich selbst, dass meine Entscheidung richtig war und diese Reise eine ganz „besondere Erfahrung“ wird. Was auch immer das heißt.

Acht Stunden später landen wir in Mumbai. Es ist Mitternacht und meine Sitznachbarn lösen ihre Gurte und bewegen sich so unaufgeregt und geschmeidig, als hätten sie die Ringbahn vom Ostkreuz zum Hauptbahnhof genommen. Ich bewege mich gar nicht. Ich warte ab und bin ganz still.
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