Schlagwort-Archive: Umzug

Freunden helfen

Wir stehen um 9 Uhr morgens bei minus zehn Grad mitten in Neukölln. Es stinkt nach Hundekacke, trotz Eiseskälte, und der Umzugswagen von Robben und Wientjes ist winzig. Wir klettern auf die Ladefläche und versuchen die Abdeck-Plane so einzurollen und zu vertäuen, dass sie uns nicht jedes Mal ins Gesicht klatscht. Es dauert ewig. Weil keiner versteht, was sich die Entwickler der Abdeck-Plane bei der Entwicklung der Abdeck-Plane gedacht haben. An den Winter haben sie nicht gedacht. Ich spüre meine Hände nicht mehr. Ich verspüre Wut. Einer macht einen Witz, um die Stimmung zu drehen. Wir lachen erleichtert. Wir erinnern uns: ein Umzug ist eine Gemeinschaftsaktion und kann Spaß machen. Unsere Gemeinschaft tappt in die Wohnung.

Hier ist eigentlich alles wie immer, bis auf ein paar vereinzelte, gepackte Pappkisten und viel Zigarettenrauch in den Räumen. Unsere Freunde sagen: Bis gestern 16 Uhr haben wir keinen Finger gerührt. Ich sage: Wow. Und atme tief in mich hinein, halte die Luft an und betrachte in dieser Stellung das Chaos. Ich versuche, nicht Teil davon zu werden. Blase die Luft aus, denke daran, dass es wahrlich schlimmeres gibt, als einen chaotischen Umzug. Zum Beispiel in einem dunklen Loch – wie in dieser Wohnung – zu versacken.

Wir packen gemeinsam an, füllen in wenigen Stunden den Umzugswagen zweimal und verfrachten das alte Leben in die neue Wohnung, die genau das Gegenteil von dunklem Loch ist – hell, hoch oben, eine Insel der Erholung mit Sonnenterrasse mitten in Neukölln.

 

 

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Lavendel, Berlin und so

Ich habe Lavendel gepflanzt auf unserem neuen Balkon. Er ist lila und duftet nach Duftsäckchen. Ich sitze draußen und freue mich. Über den duftenden Lavendel und darüber, dass ich nun endlich angekommen bin. In Berlin. Im Prenzlauer Berg.

Mit Neukölln hat es ja leider nicht geklappt. Weil: jeder will nach Neukölln momentan. Wir haben dort Besichtigungstermine erlebt, zu denen mehr als 100 Interessenten versuchten, einen guten Eindruck zu machen. Wir haben uns dann dazu entschieden lieber woanders einen guten Eindruck zu machen und so sind wir hier gelandet.

Im PrenzlauerBerg wohnt es sich am besten, meint der Türke aus dem Spätshop an der Ecke. Geht gar nicht, meint meine Mitfahrgelegenheit, Mietpreise, Spießertum, Kinderwägen, das volle Programm. Ging nach der Wende wegen der illegalen Kellerclubs meint meine Ex-Kollegin aus Berlin, geht jetzt aber gar nicht mehr wegen der Kellerclubs, die abwandern, wegen der Beschwerden der Bewohner (alles Schwaben meint sie) und dann sagte sie noch dass sie trotzdem wiederkommt.

Ich weiß noch nicht, was ich meine. Erstmal eigene Erfahrungen machen. Vorurteilsfrei. Jetzt freue ich mich erstmal. Über unseren Balkon, den Lavendel, Berlin und so.

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Ein Vormittag im Amt

Vor mir erhob sich ein riesiger roter Backsteinbau, dem die ausladenden Efeuranken einen fast romantischen Touch verliehen. Schön war es hier, wirklich schön. Menschen saßen auf Holzbänken und ließen Sonne in ihr Gesicht scheinen, Kinder spielten auf einem schmalen Streifen Wiese und die Platanen rauschten im Wind – was für eine Idylle.

Was mich drinnen erwartete war eher weniger schön. Ich fand mich in einem ewig langen Flur wieder, in dem eine ewig lange Schlange von Menschen sich bis zum Eingang des Gebäudes drängte. Fast wäre ich in meiner Gutgelauntheit in das Schlusslicht der Warteschlange gelaufen. Das Schlusslicht war eine alte Dame am Rollator, die mir zuerst einen rügenden Blick zuwarf und mich dann komplett ignorierte.

Da ich zunächst nicht wusste was und wohin stand ich erstmal eine Weile an. Versuchte, mich im Raum zu orientieren. Vor mir in der Schlange standen Menschen mit eingeschlafenen Gesichtern, die Dokumente hielten oder auf Handytastaturen rumhackten und dem Türschild nach zu urteilen offensichtlich auf eine Information warteten. An beiden Flurseiten und in sämtlichen Warteräumen 1-4 saßen auf Plastikstühlen weitere Menschen, deren Gesichter sahen noch gequälter aus als die der Schlangenmenschen und so langsam schlief auch mir das Gesicht ein. Anmelden war doch eine größere Aktion.

Ich wollte keine Zeit mehr verlieren und direkt mit dem Warten anfangen. Von der Decke hing ein Schild, auf dem Pfeile in verschiedene Richtungen wiesen und mir aufzeigten, wo ich das überall tun könnte. Ich entschied mich für den Flur und zog eine Nummer aus dem Nummernautomaten, Nummer 79. Auf dem Display der Maschine konnte ich Folgendes lesen: Anzahl der Wartenden: 113, anzunehmende Wartezeit 1 Stunde und 5 Minuten. Na Prima dachte ich mir und setzte mich wie die anderen auf einen Plastikstuhl im Gang.

Ich wartete geschlagene 2 Stunden und da ich weder Zeitung noch Buch noch sonst irgendeine Ablenkung dabei hatte, tat ich nichts anderes als in der Gegend rum zu gucken. Da war dieses Monsterdisplay das ebenfalls von der Decke herabhing und jedes Mal, wenn ein Gong ertönte, veränderten sich auf diesem Display die vier bis sechs-stelligen (Warte-)Nummern und zeigten gleichzeitig die dazugehörigen zugeordeten Raumnummern an. Bei jedem Gongton schreckten die Wartenden hoch und spähten kurz auf den Bildschirm, um sich zu vergewissern, dass sie immer noch nicht dran waren. Mir ging es genauso. Das war echt frustrierend. Ding Dong. Ein älterer Herr am Stock schlurfte über den Steinboden und versuchte so schnell es eben ging den Raum zu erreichen, in dem das Warten für ihn endlich ein Ende haben würde. Ding Dong. Ding Dong. Eine andere, jüngere Frau rannte über den Gang und zog ein Kind an einer Hand hinterher. „Zimmer 6!!“ brüllte sie diesem Kind zu, damit es noch schneller rannte. Ding Dong. Man, dieser Gong machte alle echt wahnsinnig. DingDong. Ich sah Kind und Frau nach und musste unweigerlich an diese Szene in „Asterix “ denken, in der Asterix und Obelix ins Amt (das Haus, das verrückt macht) geschickt werden, um den Passierschein A38 zu holen. Wie die Irren rennen sie von Schalter 1 zu 2 zu 38 quer durch das Haus, Treppe rauf Treppe runter, weil jeder was anderes sagt und auf den Kollegen verweist, bis Obelix am Ende völlig durchdreht.

DingDong. So schlimm war es hier nicht. Und dann entdeckte ich an der Wand mir gegenüber den Flucht- und Rettungswegeplan und daneben einen Notfallkoffer hinter Glas für den Fall, dass ein Wartender einen Herzanfall erlebte und ich dachte – DingDong – auweia. Und dann war da noch dieses Plakat, das hing direkt neben dem Herzding, das erklärte uns Wartenden wie man in Berlin ordentlich parkt. „Gute Regeln machen Sinn“ stand darauf und noch bevor ich darüber nachdenken konnte wie sinnvoll ich das fand machte es DingDong und Nummer 79 erschien im Display.

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Tapetenstaub

Er sieht mich nicht. Er ist ein Spachtelarm. Schürft unsere Wände frei, damit sie atmen können. Nach all den Jahren, in denen Mieter um Mieter Schicht um Schicht draufgelebt haben.

Ich stehe oben. Auf einer achtstufigen Leiter bin ich dreimeter hoch. Meine hautfarbenen Arme sind überzogen mit winzigen Nieseltropfen weißer Farbe. Vor mir die rohe Mauer. Sie riecht nach feuchter Erde. Wachsen bald Blumen darin wo wir sie freilegen? Sie hat Poren wie meine Haut und rissige Stellen. Mandelfarbene Flecken haben andere hinein gespachtelt. Die Mauer gestopft, damit sie dicht hält.

Meine Fingerspitzen zupfen Tapete von der Decke. Ein Stück halten sie mir vor die Nase: Farbe, Papier und fasrige Holzfasern ein künstliches Holzfasernetz. Ich lasse es auf den Boden segeln, Vergangenes von mir abfallen.

Drüben er, Meter um Meter schürft er seine Bahnen. Und ich, streichle Wände, horche, atme hinein, beobachte die unbeweglichen Adern im Mauerwerk.

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Lieben. Auch wenn was fehlt.

Wir eilten zum Transporter. Viel zu spät dran waren wir, 200 km entfernt feierten die Nachbarn schon ohne uns. Ich öffnete die Fahrertür und just in dem Moment war mir klar: Er ist weg. Meine Hände kramten in Taschen, Plastikeinbuchtungen und Sitzrillen. Nichts. Natürlich war da alles Wichtige dran, an dem Schlüsselbund. Wenn schon weg, dann richtig. Würde ich auch so machen.

Unsere Hände tasteten auf Asphalt, unter Motorhauben, im Treppenhaus, in Zimmern, in Ecken, Holzschränken und Farbeimern. Unsere Augen sahen aneinander vorbei, aus Angst vor Stichen.

Wir standen im Hof und wühlten in blauen und schwarzen Müllsäcken in denen Tapetenstücke – Reste unserer Renovierungsarbeiten – vor sich hin gammelten. Wolken schütteten Wasser auf uns und ich spürte die Blicke und das Kopfschütteln der neuen Nachbarn im Nacken. Und das Kopfschütteln seiner Liebe. Seiner Liebe die sich klein machte.

Ich wusste der Schlüssel war weg. Trotzdem wühlten wir weiter. Tapetenstaub auf unseren Ärmeln und im Gesicht. Im Gefühl ein Gefühl von Unbehagen…

Plötzlich Finger die sich zufällig berührten. Das Zucken in den Spitzen, den Ellbogen. Das Zucken in den Mundwinkel, für ein kurzes Lächeln. Für das Lieben. Für unser Lieben…..Für die Liebe, die größer wird, auch wenn was fehlt.

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